8. Mai 2017

Provenienzforschung: „Mädchen mit Mullhut“ von WILHELM LEIBL – Eine bewegende Geschichte

 

Die Erforschung der Herkunft von Kunstwerken hat heutzutage einen hohen Stellenwert – die sogenannte Provenienzforschung hat sich vor allem in den letzten 20 Jahren als eigener Bereich in den Kunstwissenschaften etabliert. Spätestens seit der Washingtoner Erklärung von 1998 hat das Thema auch für das Auktionswesen besondere Relevanz. Damals verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten, während des Nationalsozialismus beschlagnahmte Kunstwerke zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen, und mit ihnen einvernehmliche Lösungen zu finden. Karl & Faber ist sich dieser Verantwortung bewusst und hat über die Jahre wesentlich dazu beigetragen, manches dunkle Kapitel zu schliessen und mit den Erben faire Lösungen zu finden – wie etwa zuletzt 2015 bei Franz von Stucks spektakulärem Gemälde „Die Sinnlichkeit“.

Download english version

Wilhelm Leibls „Mädchen mit Mullhut“ hat eine ähnlich bewegte Geschichte: Nachdem das Kunstwerk im Dezember 2015 bereits bei Christie’s in London angeboten und zugeschlagen worden war, wurde es von den damaligen Erwerbern zurückgegeben, weil in der Zwischenzeit Ansprüche seitens der Erben eines Vorbesitzers geltend gemacht wurden. Anschließend ist es Anwälten und Erben gelungen, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Diese schließt weitere Rechtsansprüche seitens der Erben in Zukunft aus und ermöglicht die neuerliche Offerte des Gemäldes durch Karl & Faber.

Wilhelm Leibl, Mädchen mit weißem Mullhut.
Öl auf Leinwand. 55,2 × 45,4 cm.
Los 70

Sich mit der Herkunft von Leibls Gemälde näher zu beschäftigen, bedeutet einzutauchen in den Glanz und den Reichtum berühmter Gemäldesammlungen der Vorkriegszeit. Entstanden während Leibls Aufenthalt in Paris 1869/1870 oder kurz nach seiner Rückkehr nach München, erregte das Gemälde erste öffentliche Aufmerksamkeit 1906 auf der spektakulären Jahrhundertausstellung in Berlin, in der die Ausstellungsmacher erstmals die Entwicklung der Kunst des 19. Jahrhunderts in einem großem Überblick Revue passieren. Zum damaligen Zeitpunkt befand sich Leibls Mädchen mit Mullhut im Besitz des Berliner Bauunternehmers Robert Guthmann (1839-1924). Wohl über den Berliner Verleger und Kunsthändler Paul Cassirer ging es 20 Jahre später in den Besitz des bedeutenden Sammlers Marcell von Nemès (1866-1930) über, der bereits dauerhaft in der Münchner Leopoldstraße lebte. Nemès war ein aus Budapest gebürtiger, international agierender Finanzmagnat, der sich als Sammler und Kunstmäzen einen exzellenten Ruf erwarb. Er gilt als einer der Wiederentdecker El Grecos und hatte noch vor dem Ersten Weltkrieg eine exquisite Sammlung Alter Meister aufgebaut. Vor allem aber sammelte er Zeitgenossen, allen voran französische Impressionisten: Gemälde von Delacroix, Corot, Courbet, Manet, Degas, Cezanne und van Gogh gehörten zu seiner Sammlung, die er noch vor dem Krieg größtenteils veräußern musste. Nèmes gilt als Sammler neuen Typs, der mit dem Nebeneinander von alten und zeitgenössischen Meistern den Bogen über die Jahrhunderte spannte und viel zum Verständnis malerischer Prozesse in verschiedenen Epochen beitrug. Nach dem Krieg floh er vor den Revolutionswirren in Budapest und ließ sich in München nieder, wo er erneut eine Kunstsammlung aufbaute. Hier fand Leibls Gemälde seinen Platz.

Noch vor Nemès Tod 1930 kam Leibls „Mädchen mit Mullhut“ 1929 in die Sammlung des Berliner Bankiers Hugo Simon (1880-1950), der eine bedeutende Sammlung vornehmlich deutscher Kunst des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts – darunter Werke von Caspar David Friedrich, Ernst Ludwig Kirchner und Max Liebermann – aufgebaut hatte. Im Haus des bestens vernetzten, sozial und politisch engagierten Simon – er war 1918/19 preussischer Finanzminister – trafen sich Politiker, Künstler und Gelehrte. Die Gästeliste liest sich wie ein who is who des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in der Weimarer Republik – u. a. Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Thomas Mann, Albert Einstein, Stefan Zweig, aber auch bildende Künstler wie Max Pechstein, Oskar Kokoschka oder George Grosz. 1933 – wenige Wochen nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten – floh Hugo Simon mit seiner Frau über die Schweiz nach Paris. Teile seiner Kunstsammlung konnte Simon ausführen. Anfang 1938 deponierte er sie im Kunsthaus Zürich, mit dem Angebot seine Sammlung anzukaufen. Da die Verkaufsverhandlungen nicht zu dem von Simon erhofften Ergebnis führten, übergab er 1938 dem Kunstmuseum Basel 25 Objekte seiner Sammlung mit der Option, dass das Museum einige Objekte erwerben würde. Unter den für das Museum interessanten Objekten befand sich auch Leibls Damenporträt.

Simon wurde in Erwartung der Erwerbungen von der Stadt Basel ein Kredit von 50.000 Franken gewährt; im Gegenzug erhielt das Museum den ersten Zugriff auf Leibls Gemälde. Doch auch diese Verhandlungen zerschlugen sich aufgrund der zu niedrigen Preisvorstellungen seitens des Museums. Während man es in Zürich noch auf das Doppelte geschätzt hatte, wollte man in Basel nur noch 10.000 Franken für Leibls Bildnis zahlen. So war Simon Ende 1938 gezwungen, den Kredit kurzfristig zurückzuzahlen.

Nachdem er im Februar 1939 eine erste Rate zurückgezahlt hatte, konnte er die zweite Rate im Juni nicht mehr aufbringen. Daher übergab Simon seine Sammlung der Galerie Fischer in Luzern zur Auktion. Der Erlös aus der Auktion vom 23.-26. August 1939 befähigte Simon, den größten Teil seiner Schuld zu begleichen. Doch Leibls Bildnis – Los 1671 – hatte für eine Schätzung von 10.000 Franken keinen Liebhaber gefunden und kehrte ins Depot des Kunstmuseum Basel zurück. Nachdem eine zweite für 1941 geplante Auktion abgesagt wurde, wurde Leibls Gemälde zusammen mit drei weiteren am 13. April 1942 durch Hans Eckert, Simons Rechtsanwalt und Vertreter in Basel, abgeholt. Während andere Gemälde bis nach dem Krieg im Kunstmuseum Basel verblieben, ist Hans Eckerts Empfangsbestätigung der vier Gemälde vom 13. April 1942 die letzte vorhandene Nachricht. Danach verliert sich die Spur von Leibls Gemälde für mehr als 50 Jahre. Erst Ende 1994 tauchte es im Auktionshaus Stuker in Bern wieder auf, von wo es den Weg zum jetzigen Besitzer fand.

Experte für dieses Los:


Dr. Peter Prange
Leiter Kunst des 19. Jahrhunderts
Kontaktieren